Saison 2017/2018: Konzert 4

Sonntag, 17. Dezember 2017 Trinitatiskirche 17 Uhr

Weihnachten in Assisi

Vokalmusik aus dem Franziskanerkonvent in Assisi und Instrumentalwerke von Corelli Stephanie Elliott L’Arte Del Mondo Werner Ehrhardt Stephanie Elliott Sendung auf WDR 3 am 6. Januar 2018 ab 21.04 Uhr
Vorverkauf KölnTicket

Den auf Bescheidenheit abzielenden Ordensgrundsätzen der Franziskaner kamen die kleiner besetzten geistlichen Solomotetten des 18.Jahrhunderts entgegen. Besonders schöne Beispiele finden sich in der Notensammlung des Sacro Convento, der Mutterkirche der Minoriten und Begräbnisstätte ihres Ordensgründers Franziskus in Assisi. Gemeinsam mit der Sopranistin Stephanie Elliott haben Werner Ehrhardt und sein Orchester l’arte del mondo aus diesem Bestand weihnachtliche Werke ausgewählt, und sie bereichern ihr Programm um prächtige Concerti grossi des römischen Violinmeisters Arcangelo Corelli.

Programm

Arcangelo Corelli (1653-1713) Concerto grosso D-dur, op. 6,4 für 2 Violinen, Violoncello, Streicher und Basso continuo Adagio / Allegro - Adagio - Vivace - Allegro / Giga. Presto Francesco Maria Benedetti (1683-1746) Pastori o voi Cantata morale per il Santissimo Natale für Sopran, Streicher und Basso continuo Nicola Antonio Porpora (1686-1768) Stelle lucide Motette für Sopran, Streicher und Basso continuo Pause Arcangelo Corelli Concerto grosso g-moll, op. 6,8 (fatto per la notte di natale) für 2 Violinen, Violoncello, Streicher und Basso continuo Vivace / Grave - Allegro - Adagio / Allegro / Adagio - Vivace - Allegro -
Largo. Pastorale ad libitum Francesco Maria Benedetti Salve Regina Motette für Sopran, Streicher und Basso continuo Ferdinando Antonio Lazzari (1678-1754) Quam lete videntes Motetto Natale für Sopran, Streicher und Basso continuo

Musikalische Ordenskultur

Die hohen Feiertage der Christenheit haben die Komponisten aller Zeiten dazu inspiriert, die zugehörigen Festlichkeiten mit ihrer Musik zu verschönern. Weihnachten mit seiner außerordentlichen theologischen Bedeutung war da ein zentraler Anlass. Dies umso mehr in den christlichen Ordensgemeinschaften, gerade und besonders auch, wenn die Weihnachtsfesttage an altehrwürdigen und heiligen Orten begangen wurden. Eine dieser besonderen Stätten des Glaubens ist der außerordentlich bedeutsame Wallfahrtsort Assisi. Hier gründete der Heilige Franz den nach ihm benannten Orden der Franziskaner, der noch heute nach seinen Regeln lebt. Hier findet sich in der Doppelkirche des Heiligen Konvents die letzte Ruhestätte des Heiligen. Das Gotteshaus ist noch immer die Mutterkirche des Ordens, die Hauskirche des Papstes und somit von zentraler Bedeutung.

Die Musikpflege im Heiligen Konvent von Assisi ist selbstverständlich stark geprägt von der Kultur des Ordens. Schon früh gehörte eine musikalische Ausbildung für die Novizen zum festen Bestandteil ihrer Heranführung an den Orden. Dazu wurden Musikschulen bereits im 13. Jahrhundert gegründet, und erste musikalische Zeugnisse gibt es schon aus der Zeit der Fertigstellung der Basilica di San Francesco im Jahr 1228. Auch musikalisch bildete der Orden eine eigene grundsätzliche Sprache heraus, die sich in spiritueller Geradlinigkeit und etwas schlichteren, aber wunderbar melodischen Werken in eher kleiner Besetzung ausdrückt. Die Forschung beginnt gerade erst damit, musikalische Formen wie die so genannte Franziskaner-Messe zu erfassen und in ihrer ganzen Vielfalt zu ergründen. Die deutliche Bevorzugung des Soprans als Vokalstimme ist sicherlich darauf zurückzuführen, dass diese Werke von den eigenen Kapellknaben ausgeführt wurden.

Die heute Abend vorgestellten Vokalwerke stammen sämtlich aus der Bibliothek des Heiligen Konvents in Assisi. Sie belegen schön die blühende Musikpflege des Franziskaner-Ordens über Jahrhunderte und lassen uns teilhaben an den tief empfundenen Weihnachtsfesttagen.

Zwar sind die Komponisten dieser Vokalwerke nicht alle Franziskaner gewesen, aber immerhin war einer von ihnen am Heiligen Konvent: Francesco Maria Benedetti aus Assisi. Er wirkte hier mit Unterbrechungen zwischen 1711 und 1746 als der maestro di cappella. Offensichtlich war er innerhalb seines Ordens ein begehrter Meister: So war er 1710 und noch einmal von 1716 bis 1721 als Kapellmeister an der Kirche San Francesco in Turin und danach bis 1727 an der Kathedrale von Aosta. Aus der Turiner Zeit stammt seine mit dem Jahr 1719 datierte Cantata morale per il Santissimo Natale, die er offensichtlich nach Assisi mitbrachte. Solche moralischen Kantaten gerade für diesen hohen Festtag waren eine Spezialität von Benedetti. Er komponiert auch wirklich ein Werk mit einer Moral, in dem betont wird, dass die ziellos umhersuchende Seele nur in Christus einen festen Halt findet. Dies stellt Benedetti dann auch musikalisch unmissverständlich heraus. Das Werk wird von einem kurzen Rezitativ eröffnet, und schon die erste Arie beginnt mit einer wundervollen Melodie. Die zweite Arie zeigt eine ungewöhnliche, alle paar Takte wechselnde Begleitung der Singstimme, in der bald eine Violine pizzikato spielt und nur vom Violoncello begleitet wird, bald das Tutti normal mit Bogen und zusätzlicher Orgelbegleitung ausgeführt wird. Der Höhepunkt des Werkes ist zweifellos die dritte Arie im 12/8-Takt der Pastorale. Die Vortragsanweisung Benedettis für diesen Satz lautet Affettuoso e dolce, denn so soll das Jesuskindlein willkommen geheißen werden. Hier krönt der Komponist die Festlichkeit gleichsam mit einer über alle Maßen feierlichen Spiritualität und seelischen Nähe zum Geschehen. Das Werk schließt mit einer lichtvollen Arie ab, die geradezu überquillt vor jauchzender Freude über die Ankunft des Heilands.

Ein weiteres Werk Benedettis ist das Salve Regina. Benedetti preist die Gottesmutter mit einem in wundervoller Melodik anhebenden Satz. Erwähnenswert ist hier eine abfallende Figur der Geigen, die vielleicht die Verbannung der Kinder Evas - also der Menschheit - aus dem Paradies darstellen soll, von der im Text die Rede ist. Aus diesem Tal der Tränen soll das jetzt geborene Jesuskindlein führen, das man dank der Heiligen Jungfrau Maria erblickt. Das wiederum außerordentlich gefühlvolle und spirituelle Werk endet mit einer Anrufung und Huldigung der Gottesmutter in wunderbaren Melodien.

Ferdinando Antonio Lazzari war ebenfalls Franziskaner. Über einen Aufenthalt in Assisi ist bislang jedoch nichts bekannt. Er wurde in Bologna geboren, wo er auch im September 1693 dem Franziskaner-Orden beitrat. Bereits als Novize im Gesang und an der Orgel ausgebildet, wurde er am 31. Mai 1702 magistero della cappella an San Francesco in Bologna. Diesen Posten behielt er bis 1705, als man ihn zum maestro di cappella an der Kirche Santa Maria Gloriosa dei Frari in Venedig ernannte. Hier wirkte er, bis er vor seinem Tod durch Krankheit geschwächt und fast blind in seine Geburtsstadt Bologna zurückkehren durfte, wo er 1754 verstarb.

Lazzari komponierte hauptsächlich geistliche Vokalwerke wie den heute zu hörenden Motetto Natale. Das Werk beginnt mit einem sich tänzelnd wiegenden Ritornell im 3/2-Takt, der sich in der nachfolgenden Arie fortsetzt. Hier preist der Sopran den lichten Glanz der Heiligen Nacht und ebenso die Freude beim Erblicken des Kometen als Himmelsboten.

Das Werk schließt mit einem echten Wiegenlied für das Jesuskindlein, das der Komponist mit gleichsam zärtlicher Verehrung und frommer Andacht gestaltet. Beeindruckend ist die einkomponierte Stille des Werkes, mit dem Lazzari die hohe Bedeutung dieser Nacht für die Menschheit darzustellen versteht.

Nicola Porpora war kein Franziskaner, aber im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts höchst populär. Er wurde als Komponist und als Gesangslehrer hoch geschätzt, der seiner Zeit viele berühmte Sänger und ebensolche Kompositionen schenkte. Hauptsächlich schrieb er Vokalmusik, wobei Opern im Vordergrund standen, mit denen er in London unmittelbar mit Georg Friedrich Händel konkurrierte. In seinen frühen Jahren wirkte Porpora in Neapel, wo vermutlich auch die Motette Stelle lucide entstand und von wo aus sie ihren Weg in die Bibliothek des Heiligen Konvents in Assisi nahm. Die Solostimme ist in ihrer Ausführung deutlich schwieriger und zeigt den Opernkomponisten. So nimmt es nicht wunder, dass schon die Einleitung zur ersten Arie opernhafter gestaltet ist. Höhepunkt des Werkes ist sicherlich die zweite Arie im pastoralen 12/8-Takt. Hier ist Porpora ein echter Ohrwurm gelungen, mit dem er den Himmel anruft und um Befreiung aus dem tief schwarzen Gefängnis bittet. Das Werk schließt mit einem brillanten Alleluja in wunderbarer Melodik ab.

Die beiden Instrumentalwerke des heutigen Abends finden sich nicht mehr in der Bibliothek des Heiligen Konvents, anders als zahlreiche weitere Werke römischer Komponisten. Es handelt sich um zwei der zwölf berühmten Concerti grossi, die der Meistergeiger Arcangelo Corelli 1712 als sein Opus 6 bei dem renommierten Verleger Estienne Roger in Amsterdam in Druck gab. Kompositorischer Ausgangspunkt und Grundsubstanz dieser Concerti ist die barocke Triosonate für zwei Violinen und Basso continuo, doch die eigentliche Werkidee verwirklicht sich im kunstvollen Gegenüber von solistischem Triosatz und seinem chorischen Widerhall im großen Ensemble, das dieser Konzertform ihren Namen gegeben hat.

Aus dem Dezember 1712 datiert die Widmung des Drucks an den pfälzischen Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz, der in Düsseldorf residierte und auf dessen Aufforderung hin Corelli schon einmal im Mai 1708 ein Concertino dà Cammera ins Rheinland übersandt hatte. Als 1714 der Druck des Opus 6 erschien, war der Komponist aber bereits ein Jahr tot.

Mit dem achten Concerto, das den Zusatz fatto per la notte di natale trägt, hat Corelli uns eine der heute populärsten Weihnachtsmusiken des Barocks hinterlassen. Besonders der letzte Satz, die Pastorale ad libitum, ist für uns wieder untrennbar mit der Heiligen Nacht verbunden.

Corellis Werke kamen in großem Umfang nach Assisi. So sind in der Bibliothek noch heute zahlreiche Trio- und Solosonaten erhalten. Es ist also durchaus wahrscheinlich, dass von seinen Concerti grossi zumindest dasjenige für Weihnachten in Assisi aufgeführt wurde und die dortigen Festlichkeiten bereicherte.

Olaf Krone

Mitwirkende

L’arte del mondo L’Arte Del Mondo Ltg. Werner Ehrhardt Stephanie Elliott – Sopran Im heutigen Konzert L’arte del mondo in folgender Besetzung: Werner Ehrhardt, Mariya Ivanova, Go Yamamoto – Violine 1 Andrea Keller, Zsuzsanna Czentnár, Salma Sadek – Violine 2 Priscila Rodriguez – Viola Linda Mantcheva – Violoncello Jörg Lühring – Kontrabass Thorben Klaes – Cembalo L’arte del mondo ist permanentes orchestra in residence von Bayer Kultur.