2025/2026: Konzert 5
Klaviertrio romantisch
Antonín Dvořák: Klaviertrio Nr. 2 g-Moll, op. 26 Johannes Brahms: Klaviertrio Nr. 1 H-Dur, op. 8 Trio Alterna
Sendung auf WDR 3 am 21. April 2026 ab 20.03 Uhr
Früh erkannte Johannes Brahms das außergewöhnliche Talent des sieben Jahre jüngeren Antonín Dvořák; mehrfach setzte er sich als Juror
für ihn ein. Dvořák verehrte Brahms zutiefst und widmete ihm sein Streichquartett op. 34. Beide standen in einem regen künstlerischen
Austausch und traten gelegentlich gemeinsam bei Klavierabenden auf. Das Trio Alterna, mehrfacher Preisträger beim Internationalen
Kammermusikwettbewerb Beethoven in seiner Zeit
2021, stellt die beiden Spätromantiker jetzt in ihren Klaviertrios vor.
Programmfolge
Musikalische Seelenverwandtschaft
Bei Gelegenheit des Staatsstipendiums freue ich mich schon
mehrere Jahre über Sachen von Anton Dvořák (sprich Dvorschak) aus Prag.
Dvorák hat alles mögliche geschrieben, Opern (böhmische), Symphonien,
Quartette, Klaviersachen. Jedenfalls ist er ein sehr talentvoller
Mensch. Nebenbei arm! Und bitte ich das zu bedenken! Die Duette werden
Ihnen einleuchten und können ein ‚guter Artikel’ werden.
Keine Frage, die Musik von Antonín Dvořák überzeugte den stets kritischen Johannes Brahms. Der gehörte seit 1875 der Kommission an, die alljährlich das Künstlerstipendium des Wiener Unterrichtsministeriums vergab. Fünfmal hintereinander wurde es dem damals außerhalb seiner böhmischen Heimat noch weitgehend unbekannten Dvořák zuerkannt. Unter den Arbeitsproben, die er seinem Antrag 1877 beigelegt hatte, begeisterten Brahms vor allem die Duett-Vertonungen mährischer Volkslieder op. 29 und op. 32, die er umgehend seinem Verleger Fritz Simrock empfahl. Mit Erfolg: Der Veröffentlichung in dem glänzend vernetzten Berliner Verlag folgte als Anschlussauftrag an den Komponisten die erste Reihe jener Slawischen Tänze für Orchester, die heute neben der 9. Sinfonie und dem Stabat Mater zu Dvořáks bekanntesten und beliebtesten Werken zählen. Schlagartig wurde er zu einer Größe der internationalen Musikszene, mit wiederkehrenden Gastauftritten in London seit 1883 und einer Dozentur in New York seit 1891. Die Initiative von Brahms markierte aber auch den Beginn einer engen Freundschaft zwischen den beiden Komponisten.
Das heutige Konzert lädt zum Vergleich ein im Bereich der
Kammermusik, der sich beide Komponisten zeitlebens mit Hingabe widmeten.
Der besondere Reiz dabei: Dvořák wird das 1854 veröffentlichte
H-Dur-Klaviertrio von Brahms schon vertraut gewesen sein, als er 1876
sein g-Moll-Klaviertrio komponierte. Brahms kannte andererseits das Werk
von Dvořák, als er sein Trio 1889 grundlegend überarbeitete: Ich
habe mein H-Dur-Trio noch einmal geschrieben und kann es Op. 108 statt
Op. 8 nennen
, bemerkte er dazu lakonisch gegenüber Clara Schumann.
Daraus spricht die kritische Distanz des 56-Jährigen zu seinem
Jugendwerk. Die Erstfassung hatte er mit Anfang zwanzig in Druck
gegeben, kurz nachdem ihn Robert Schumann der Musikwelt als den
Hoffnungsträger einer neuen Komponistengeneration vorgestellt hatte.
Das Trio g-Moll für Pianoforte, Violine und Violoncell – so der originale Titel im Berliner Erstdruck von 1880 – komponierte Antonín Dvořák zu einem Zeitpunkt, an dem er sich als einer der führenden Komponisten Prags etabliert hatte. Es ist das zweite seiner vier erhaltenen Klaviertrios; ein früheres von 1872 ist verschollen. Von seinen ersten Komponisten-Idolen Richard Wagner und Franz Liszt mit ihren mäandernden Formen hat sich Dvořák da schon weitgehend verabschiedet. Jetzt mischt sich in eine eher klassizistische Ausdrucksweise die innige Melodik und mitreißende Rhythmik der slawischen Volksmusik. Eben das dürfte Brahms auch so fasziniert haben an Dvořáks Musik.
Das Trio beginnt wie um Aufmerksamkeit heischend mit zwei kraftvollen g-Moll-Akkordschlägen, aus denen sich das melancholische erste Thema des Sonatensatzes löst. Ein zweites Thema, freundlich-entspannt in der Parallel-Tonart B-Dur, führt Dvořák im Violoncello ein. Es wirkt wie eine variative Fortsetzung des Hauptthemas, und so gestaltet sich der Satz in einem espritvollen Neben- und Miteinander der Themen und daraus abgeleiteter Motive. Ein elegisches Largo bildet den Ruhepol des Werks, bevor ein energiegeladen pochendes Scherzo mit nachschlagenden Bass-Impulsen in die Welt slawischer Volkstänze führt. Nach einleitenden Akkorden als Reminiszenzen an den ersten Satz prägt ein markant rhythmisiertes, melodisch bizarres Thema das eigentümliche Polka-Finale, die sich erst kurz vor dem Ende überraschend aufhellt.
Bei der Umgestaltung, die Johannes Brahms seinem Trio H-Dur für Pianoforte, Violine und Violoncell nach 35 Jahren angedeihen ließ, wahrte er doch in jedem Satz dessen ursprünglichen Beginn. Im eröffnenden Allegro con brio ist das eine sehnsuchtsvolle Kantilene, die vom Klavier vorgestellt und bald vom Violoncello in Sextparallelen mitgespielt wird; relativ spät erst tritt die Violine hinzu. Aus Fragmenten des Themas entstehen bald rhythmisch akzentuierte Gegenmotive, der Satz verdichtet sich zusehends in einer fein austarierten kontrapunktischen Dramaturgie. Das folgende Scherzo – Brahms hat es 1889 weitgehend in der Ursprungsversion belassen – zitiert das bestimmende Thema des ersten Satzes in einer Art überzeichneter Moll-Variante; aus dieser bizarren Szenerie führt vorläufig der verhalten in Dur beginnende Mittelteil des Satzes, endgültig aber erst die Coda nach der Scherzo-Reprise. Choralartige Akkordfolgen des Klaviers, die von den Streichern verhalten beantwortet werden, bestimmen zunächst das kontemplative Adagio – auch dies schon das Konzept des jungen Brahms. Ein kantabler Violoncello-Einsatz lenkt den Satz in eine neue, bewegtere Ebene, bis er gegen Ende in die Stimmung des Anfangs zurückfindet. Im Finale stellt der Komponist dem in kleinen Intervallen unruhig kreisenden Eröffnungsthema ein weit ausgreifendes Seitenthema gegenüber; beide verbinden sich aufs Schönste in der glanzvollen Schlusssteigerung.
Erst in den 1920er Jahren begann man, Stahlsaiten auf die Streichinstrumente zu ziehen. Das Trio Alterna spielt die spätromantischen Klaviertrios von Brahms und Dvořák jetzt wieder mit der historischen Darmbesaitung, und dazu passt ausgezeichnet der Érard-Flügel aus den 1860er Jahren mit seiner individuellen Toncharakteristik in den Diskant-Oktaven und seinen klar zeichnenden Bässen. Brahms selbst spielte sehr gerne die Instrumente der Pariser Klavierbaufirma.
Mitwirkende
Anna Dmitrieva – Violine
Amarilis Dueñas – Violoncello
Takahiko Sakamaki – Pianoforte