2025/2026: Konzert 6
Seven Teares
Songs und Consortmusik von John Dowland, John Ward, William Byrd, John Wilbye u.a. Hannah Morrison Brosse Consort
Sendung auf WDR 3 am 29. April 2026 ab 20.03 Uhr
Flow my tears
: Ein Song des Lautenisten John Dowland und die Instrumentalvariationen,
die er und seine Zeitgenossen dazu vorlegten, sind zum Sinnbild geworden für eine
besondere melancholische Grundhaltung in der gehobenen Gesellschaft um 1600.
Im ätherischen Klang von fünf Gamben vertieft sich das Brosse Consort mit der Sopranistin
Hannah Morrison in das subtile englische Repertoire des Elisabethanischen Zeitalters.
Programmfolge
| John Dowland (1563–1626) | Lachrimae Antiquae: Flow my teares |
| Lachrimae Antiquae Novae | |
Now cease my wand’ring eyes(1600) | |
| John Dowland | Lachrimae Gementes |
| John Ward (1590–1638) | Come sable night(1613) |
| John Dowland | M. Bucton his Galliard |
| John Dowland | Lachrimae Tristes |
Time stands still(1603) | |
| John Dowland | Lachrimae Coactae |
| Anonym (Anne Boleyn?) | O death, rock me asleep(1611) |
| John Dowland | M. Henry Noell his Galiard |
| John Dowland | Lachrimae Amantis |
| William Byrd (1543–1623) | Ye sacred Muses(1585) |
| John Dowland | Lachrimae Verae |
All ye whom love or fortune(1597) | |
| John Wilbye (1574–1638) | Draw on sweet night(1609) |
Quellen
- John Dowland
- Lachrimae, or Seaven Teares, figured in Seven Passionate Pavans (1604)
The First Booke of Songes or Ayres of Fowre Partes (1597)
The Second Booke of Songs or Ayres, of 2. 4. and 5. Parts (1600)
The Third and Last Booke of Songes or Aires (1603) - John Ward
- The First Set of English Madrigals to 3. 4. 5. and 6. parts (1613)
- Anonym
- „O death, rock me asleep“. Lautenmanuskript London, British Museum (1611)
- William Byrd
- Ye sacred Muses. An Elegy on the death of Thomas Tallis (1585)
- John Willbye
- The Second Set of Madrigales to 3. 4. 5. and 6. parts (1609)
Viols And Voices
Die Violen de Gamba haben 6. Saitten, werden durch Quarten, und in der Mitten eine
Tertz gestimmet, gleich wie die sechschörichte Lautten. Die Engelländer, wenn ie alleine
darmit etwas musiciren, so machen sie alles bißweilen umb ein Quart, bißweilen auch
eine Quint tieffer.
– Kaum kommt Michael Praetorius, der rührige Wolfenbütteler
Hofkapellmeister und Musikenzyklopädist des Frühbarocks, 1619 im zweiten Teil seines
Kompendiums Syntagma musicum auf die Gambe zu sprechen, da erwähnt er auch schon
die Spielpraxis der Engländer. Er hat dabei, wie aus den folgenden Sätzen hervorgeht,
ein Stimmwerck
vor Augen: ein ganzes Ensemble aus Instrumenten verschiedener Größen
vom Sopran bis zum Bass. Bis heute gilt ein solches Gamben-Consort als Inbegriff für
das kammermusikalische Musizieren in Englands goldenem
Elisabethanischen Zeitalter;
etabliert hatte es auf der Insel offenbar König Heinrich VIII. um 1540 in seiner Hofmusik.
So sehr die Kultur seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erblühte, stimuliert
und gefördert durch die kunstsinnige Königin Elisabeth I. und ab 1603 durch ihren Nachfolger
Jakob I., war es eine politisch unruhige Zeit. Geprägt wurde sie nicht zuletzt durch
den konfessionellen Konflikt zwischen Katholiken und Anglikanern, seit Elisabeth mit
Beginn ihrer Regentschaft 1559 die Kirche Englands wieder der Krone unterstellt hatte.
Weiterhin bekannten sich prominente Persönlichkeiten der Gesellschaft zum Alten Glauben,
darunter im höfischen Umfeld die wichtigsten Komponisten der Chapel Royal, Thomas Tallis
und William Byrd. Während sie sich einer persönlichen Protektion durch die Königin
erfreuten, stand die Konfession eines weiteren herausragenden englischen Musikers der
Karriere im Heimatland offenbar im Weg. Gemeint ist John Dowland, dessen berühmter
Kompositionszyklus Lachrimae, or Seven Teares das heutige Programm durchzieht.
Im Alter von etwa 17 Jahren war Dowland, der Sohn eines Londoner Handwerkers, im Gefolge
eines Adeligen nach Paris gekommen, um sich mit der dortigen Lautenkunst vertraut zu
machen. Der mehrjährige Aufenthalt führte nicht nur dazu, dass er sich zu einem wahren
Lautenvirtuosen entwickelte, Dowland konvertierte in Frankreich auch zum Katholizismus.
Zurück in England, wurden seine künstlerischen Fähigkeiten 1588 in Oxford mit dem
akademischen Grad eines Bachelor of Music gewürdigt; vier Jahre später spielte
Dowland im Rahmen höfischer Festlichkeiten vor der Königin. Seine Bewerbung um eine
Lautenistenstelle bei Hofe blieb 1594 allerdings erfolglos. Dowland ging auf Reisen,
gastierte binnen weniger Monate bei Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Lüneburg
in Wolfenbüttel (wo er Michael Praetorius mit Informationen über Englands Musikleben
versorgen konnte), bei Landgraf Moritz dem Gelehrten von Hessen-Kassel, dann beim Großherzog
Ferdinand I. de’ Medici in Florenz (wo er mit Giulio Caccini einen Protagonisten des
neuen expressiven Sologesangs getroffen haben dürfte). Nach London zurückgekehrt, brachte
Dowland dort im Winter 1596/97 sein First Booke of Songes or Ayres heraus, und
das mit großem Erfolg. Wie schon auf der Titelseite ankündigt, hatte er den Band so
angelegt, dass alle Stimmen gemeinsam oder auch nur einige von ihnen zur Laute, zum Orpharion
– einem Zupfinstrument mit Metallsaiten – oder der Gambe gesungen werden können
.
Der Wunsch einer höfischen Anstellung erfüllte sich wiederum im Ausland: Von Ende 1598
bis 1606 war Dowland Lautenist bei König Christian IV. von Dänemark. Dessen Gemahlin
Anne widmete er 1604 seinen Instrumentalzyklus Lachrimae, or Seven Teares. Der
Band bot – um wiederum Dowlands Untertitel zu zitieren – sieben leidenschaftliche
Pavanen, ergänzt um andere Pavanen, Galliarden und Allemanden für Laute, Gamben oder
Violinen zu fünf Stimmen
. Die thematische Grundlage der Lachrimae-Variationen
bildet ein Lamento, das Dowland schon vier Jahre zuvor als Lied zur Lautenbegleitung
in seinem Second Booke of Songs or Ayres veröffentlicht hatte: Flow my
teares
. Das Kopfmotiv der absteigenden Quarte als Sinnbild für kullernde Tränen
und verzagtes Seufzen taucht in immer neuen Abwandlungen auch in den sechs folgenden
Variationen auf, die alle ebenso von Vorhaltsdissonanzen und zusätzlichen harmonischen
Eintrübungen gekennzeichnet sind. In musikalischer Vollendung hat Dowland hier die sprichwörtlich
gewordene Melancholie seines Zeitalters durchdekliniert. Zugleich bleiben die Attribute
eher kryptisch, die er den einzelnen Sätzen in den Überschriften mitgibt. Einleuchtend
noch, dass sich die altbekannten Tränen aus dem Lied von 1600 in einer neuen Form zeigen
(Lachrimae Antiquae Novae). Es folgen die schmachtenden (Gementes), traurigen
(Tristes) und erzwungenen Tränen (Coactae), die Tränen eines oder einer
Liebenden (Amantis) und am Ende die wahrhaftigen Tränen (Verae).
Nach den Variationen bietet der Lachrimae-Druck zwei weitere Sätze im selben
gravitätischen, fast statischen Tanz-Duktus der Pavane, darunter mit Semper Dowland
semper Dolens eine Selbststilisierung des Komponisten als ewig Leidenden. Willkommene
Kontraste dazu liefern die gelösteren Galliarden und Allemanden, die verschiedene Persönlichkeiten
aus Dowlands englischem Umfeld zugedacht sind. Das Brosse Consort hat zwei von ihnen
ausgewählt und ergänzt den Lachrimae-Zyklus darüber hinaus um weitere Lieder
und Arien von Dowland und seinenZeitgenossen, die ebenso ergreifend dunkle Stimmungen
in berührende Musik verwandeln. Da bedenkt William Byrd seinen 1585 verstorbenen
Lehrer Tallis mit einem elegischen Lebewohl; da spricht Schicksalsergebenheit und Stolz
zugleich aus dem anonym überlieferten O death, rock me asleep
. Eine Tradition
bringt es mit Anne Boleyn in Verbindung, der zweiten Ehefrau Heinrichs VIII. und
Mutter Elisabeths. Wegen Ehebruchs und Hochverrats verurteilt, soll sie die Verse 1536
kurz vor ihrer Enthauptung zu Papier gebracht haben. Die anonyme, vielleicht doch einige
Jahrzehnte jüngere Vertonung bettet die schlichte und ergreifende Textdeklamation in
einen wiegenden, aber auch unerbittlich voranschreitenden Instrumentalsatz, der harmonische
Querstände nicht scheut.
In Come sable night
beschreibt John Ward in den fragilen Klängen
der heraufziehenden Nacht die Hoffnungslosigkeit des Helden Amyntas. Als Ward das Stück
1613 in seinem Madrigalband veröffentlichte, war er Privatmusiker des Londoner Adeligen
Henry Fanshawe. Ein nicht weniger berückendes Nachtstück legte John Wilbye 1609
in seinem zweiten Madrigalbuch mit Draw on sweet night
vor. Der Komponist
war Musiker der Adelsfamilie Kitson in Suffolk, folgte ihr aber regelmäßig auch ins
Londoner Stadtpalais, so dass er enge Verbindungen zur Musikszene der Hauptstadt knüpfen
konnte. Dort gehörte er auch zu den Korrekturlesern von Dowlands Second Booke of
Songs or Ayres, das der Verleger Thomas East für den Druck vorbereitete, während
sich der Komponist noch in Dänemark aufhielt.
Die zeitgenössischen Ausgaben von Consortmusik zeichneten sich übrigens durch eine besondere und sehr praktische Anordnung der Noten aus, denn auf jedem Blatt waren mehrere Partien um 90 Grad gedreht abgedruckt. Wurden die Notenseiten mittig auf einen kleinen Tisch gelegt, konnten alle drumherum Platz nehmen und gemeinsam aus einem Exemplar musizieren.
Anne, die Widmungsträgerin der Lachrimae, war nicht nur die Gemahlin des dänischen Königs, sondern auch die Schwester Jakobs I. Sollte Dowland mit seiner Widmung die Hoffnung auf eine Anstellung am Londoner Hof verbunden haben, wurde er erneut herb enttäuscht. Und schlimmer noch: Im März 1606 wurde offenbar wegen seiner hohen Schulden das Dienstverhältnis mit dem dänischen Hof aufgelöst. Derweil begannen seinen Lachrimae-Variationen ihren Siegeszug durch die Musikwelt. Auf der Insel wie auf dem Kontinent wurden sie von den Komponisten-Kollegen gerne zitiert und imitiert.
Für die nächsten Jahre stand Dowland in den Diensten eines Londoner Lords, Theophilus Howard. 1612 erhielt er dann mit fast 50 Jahren doch noch eine Berufung zum königlichen musician for the lute. Die künstlerisch produktivste Zeit lag da schon hinter ihm. Vor 400 Jahren, im Januar 1626, ist John Dowland in London gestorben. In seiner zugleich subtilen und bewegenden Musik aber bleibt er bis heute lebendig.